Pressemitteilung vom 14. August 2009

Deutsche Schmetterlingsexperten exportieren Know-how

Auch in China, Australien und Israel werden jetzt Schmetterlinge gezählt.

Leipzig/ Peking/ Canberra/ Tel Aviv. Künftig sollen auch in der Volksrepublik China Schmetterlinge nach europäischem Vorbild erfasst werden. Eine entsprechende Kooperation haben am Freitag Ökologen mehrerer chinesischer Forschungseinrichtungen und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in die Wege geleitet. Vom 10. bis 14. August 2009 tagten Experten aus China und Deutschland, sowie Australien und Israel in Leipzig, um Erfahrungen beim Schutz von Schmetterlingen auszutauschen und bereits vorhandene Forschungskooperationen zu intensivieren. Der Workshop war Teil des vom Bundesforschungsministerium (BMBF) ausgerufenen Deutsch-Chinesischen Jahres der Wissenschaft und Bildung 2009/10.

Tagfalter-Workshop im Rahmen des Deutsch-Chinesischen Jahres

Vom 10. bis 14. August 2009 tagten Experten aus China und Deutschland, sowie Australien und Israel in Leipzig, um Erfahrungen beim Schutz von Schmetterlingen auszutauschen und bereits vorhandene Forschungskooperationen zu intensivieren. Der Workshop war Teil des vom Bundesforschungsministerium (BMBF) ausgerufenen Deutsch-Chinesischen Jahres der Wissenschaft und Bildung 2009/10.
Foto: Klaus-Dieter Sonntag/ fotoplusdesign.de

download als jpg (1,2 MB)

Exkursion der deutsch-chinesischen Delegation

Im Rahmen des fünftägigen Treffens besuchten die Experten aus Deutschland und China auch die Lebensräume des Dunklen und des Hellen Wiesenkopf-Ameisenbläulings (Maculinea nausithous und teleius) bei Altenburg. Diese Tagfalterarten sind bei ihrer Fortpflanzung auf das Vorhandensein einer bestimmten Wirtspflanze (den Wiesenknopf) und einer bestimmten Ameisenart angewiesen. Diese Spezialisierung macht sie besonders empfindlich für Umweltveränderungen und führte dazu, dass beide inzwischen auf den Roten Listen gefährdeter Arten stehen. Der Helle Wiesenknopf-Ameisenbläuling steht in Thüringen inzwischen sogar kurz vor dem Aussterben.
Foto: Klaus-Dieter Sonntag/ fotoplusdesign.de

download als jpg (1,3 MB)

Kleine Monarch (Danaus chrysippus)

Der Kleine Monarch (Danaus chrysippus) ist eine in Asien und Afrika weit verbreitete Schmetterlingsart. Er gilt als erster Schmetterling, der in der Kunst auftauchte, da eine 3500 Jahre alte Malerei im Ägyptischen Luxor möglicherweise diese Art zeigt.
Foto: Prof. Dr. Yalin Zhang/ Chinese Butterfly Society

download als jpg (1,2 MB)

Nutzungsbedingungen Bildmaterial

Know-how, das am UFZ entwickelt wurde, findet bereits in Australien und Israel Anwendung, wo Beobachtungsnetzwerke aufgebaut werden. In Deutschland begann das UFZ gemeinsam mit der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz (GfS) bereits vor fünf Jahren das sogenannte Tagfalter-Monitoring (TMD). Über 500 Freiwillige zählen und dokumentieren seither bundesweit mit einer standardisierten Methode Schmetterlinge. Die Forscher erhalten so wichtige Informationen zur Situation und weiteren Entwicklung der Schmetterlings-Lebensgemeinschaften sowie Aussagen zu den Auswirkungen von Landnutzung und Klimawandel auf die heimische Fauna und Flora. Ursprungsland des Tagfalter-Monitoring ist Großbritannien, wo bereits seit 1976 Schmetterlinge gezählt werden. Zahlreiche andere europäische Länder haben die Idee übernommen. Die europaweiten Aktivitäten werden unter dem Dach der Stiftung "Butterfly Conservation Europe (BCE)" zusammengeführt. An der Gründung von BCE waren auch Wissenschaftler des UFZ beteiligt.

Da Schmetterlinge ausgezeichnete Indikatoren für den ökologischen Zustand der meisten terrestrischen Lebensräume sind, arbeitet das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) mit ihnen seit vielen Jahren auch im Rahmen seines Forschungsschwerpunktes "Biodiversität". Bei zahlreichen internationalen Projekten spielten und spielen die Falter eine zentrale Rolle und mit ihrer Hilfe konnten wesentliche Fortschritte zum Schutz der Artenvielfalt in Wissenschaft und Praxis erzielt werden. Beim ersten deutsch-chinesischen Workshop zu Tag- und Nachtfaltern in der vergangenen Woche bildete das Tagfalter-Monitoring Deutschland ein Kernelement. Ausgehend von den im UFZ gesammelten Erfahrungen, wurden die Möglichkeiten diskutiert, ein ähnliches System auf ausgewählte Regionen in China zu übertragen. Im Rahmen von Exkursionen wurden den chinesischen Wissenschaftlern Projekte zum Schutz der gefährdeten Ameisenbläulinge vorgestellt und im Freiland die Monitoring-Methodik praktisch demonstriert. In einem Internet-Blog fanden sich die täglichen Workshop-Aktivitäten in Form von Text- und Bild-Beiträgen wieder. Dabei ging es BMBF und UFZ auch darum, die Menschen hinter dieser Initiative vorzustellen und die einzigartige Atmosphäre des Workshops wiederzugeben (www.dcjwb.net/de/index.php; www.dcjwb.net/300.php).

Seit 1978 besteht zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik China eine enge Beziehung in Wissenschaft und Technologie. Deutsch-chinesische Forschergruppen nehmen heute gemeinsam an vielen internationalen Forschungsprojekten teil. Sogar die Gründung von bilateralen Forschungs- und Hochschuleinrichtungen ist in den vergangenen Jahren mehrfach gelungen. Um die große Bedeutung der deutsch-chinesischen Kooperation in Bildung und Forschung zu unterstreichen, wurde von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, gemeinsam mit ihren chinesischen Kollegen, dem chinesischen Minister für Wissenschaft und Technologie, Prof. Dr. Wan Gang, und dem chinesischen Bildungsminister, Prof. Dr. Zhou Ji, das Deutsch-Chinesische Jahr der Wissenschaft und Bildung 2009/10 initiiert. In dessen Rahmen auch der Workshop am UFZ eingebunden war und finanziert wurde.

Doch nicht nur in Europa und bald schon in China werden Wissenschaftler beim Zählen von Schmetterlingen durch Freiwillige unterstützt. In Australien taten sich über 50 Mitarbeiter von Universitäten, Naturschutzbehörden und Umweltorganisationen zusammen, um Daten über eine vom Aussterben bedrohte Schmetterlingsart zu sammeln. Im australischen Sommer von September bis April machten sie sich systematisch auf die Suche nach der Goldenen Sonnenmotte (Synemon plana). Dieser "tagaktive Nachtfalter" ist besonders gefährdet, da sein Lebensraum in den letzten Jahrzehnten auf weniger als fünf Prozent der ursprünglichen Fläche geschrumpft ist. Die Larven der Motte ernähren sich wahrscheinlich ausschließlich von Wallaby-Gras, einer ursprünglichen Grasart, die seit Einführung der Schafzucht durch europäische Siedler und der Erweiterung der Städte in Australien extrem zurückgegangen ist.

Auf dem deutsch-chinesischen Workshop wurde dieses Pilotprojekt von Anett Richter vom UFZ vorgestellt. Sie koordiniert die Untersuchungen und schreibt zurzeit am Institut für Angewandte Ökologie der Universität Canberra ihre Doktorarbeit.

Daneben gibt es noch ein weiteres außereuropäisches Land, das von den deutschen Monitoring-Erfahrungen profitieren möchte. Dr. Guy Pe’er, Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), hat die Idee in seinem Heimatland Israel publik gemacht. Da in Israel Insekten bisher nicht geschützt waren, ist die Unterschutzstellung von 14 seltenen Schmetterlingsarten seit 30. April 2009 ein erster Erfolg. Die Gesellschaft der Israelischen Schmetterlingskundler erhofft sich dadurch ein stärkeres öffentliches Bewusstsein für den Schutz von Schmetterlingen und im Zuge dessen auch eine hohe Beteiligung an dem geplanten Tagfalter-Monitoring. Im Mittelpunkt des Monitorings wird zunächst die Region Lachish stehen, 40 Kilometer südwestlich von Jerusalem. Das bisher wenig bebaute, hügelige Gebiet liegt in der Übergangszone zwischen Mittelmeer- und Wüstenklima, was es ökologisch besonders wertvoll macht. Israel kann eine Schlüsselrolle einnehmen zur Untersuchung der Auswirkungen des Klimawandels sowohl auf Schmetterlinge als auch allgemein auf die Verbreitungsgebiete von Tierarten. Denn als Land am Rande der Wüste und des Ostafrikanischen Grabens ist es Durchzugs- und Überwinterungsgebiet für Wanderschmetterlinge. Auch Guy Pe’er berichtete im Rahmen des deutsch-chinesischen Workshops über seine Arbeit.

Weitere Informationen:

zum Tagfaltermonitoring in Deutschland:
Elisabeth Kühn, Josef Settele, Reinart Feldmann
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: +49-345-558-5263
www.ufz.de/index.php?de=10387
www.ufz.de/index.php?de=817
tagfalter-monitoring@ufz.de

zum Tagfaltermonitoring "Sun Moth Count" in Australien:
Anett Richter (de+en), Will Osborne (en)
Institute for Applied Ecology, University of Canberra, ACT 2601, Australia
Phone: +61-2-620-2937, +61-2-620-5377
www.ufz.de/index.php?de=10285
http://aerg.canberra.edu.au/php/showstudent.php?usercode=richter
http://aerg.canberra.edu.au/teams/osborne

zum Tagfaltermonitoring in Israel:
Dr. Guy Pe'er (de+en+il)
Telefon: +49-341-235-1715
www.ufz.de/index.php?de=15885
biodiversity-group.huji.ac.il/members/Guy.html
www.dw-world.de/dw/article/0,,3830727,00.html

zum Tagfaltermonitoring in China:
Dr. Xiushan Li (de+en+cn)
Telefon: +49-345-558-5222

oder

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Pressestelle
Tilo Arnhold
Telefon: (0341) 235 1269
presse@ufz.de

Weiterführende Links

Deutsch-Chinesischer Workshop zur Zukunft von Schmetterlingen:
www.blog.dcjwb.net

Infos zum Tagfaltermonitoring in Deutschland:
www.tagfalter-monitoring.de

Die online-Community für Naturbeobachtung:
www.science4you.org

Tagfaltermonitoring "Sun Moth Count" in Canberra:
aerg.canberra.edu.au/teams/osborne/moth-count

Goldene Sonnenmotte (Synemon plana):
www.environment.gov.au/cgi-bin/sprat/public/publicspecies.pl?taxon_id=25234

The Butterflies and Moths of Israel:
www.nature-of-oz.com/butterflies.htm

The Israeli Lepidopterists Society:
www.geocities.com/RainForest/1153/index.html

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 25.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).