Pressemitteilung vom 09. Mai 2018

Die Ostsee als Zeitmaschine

Plädoyer für die Nutzung des Randmeers als Modellregion für den Weltozean

Erwärmung, Versauerung, Überdüngung und der Verlust von Sauerstoff - das sind nur einige Beispiele von gravierenden Veränderungen, die global in den küstennahen Gebieten aller Ozeane beobachtet oder für die Zukunft erwartet werden. Diese Prozesse spielen sich auch in der Ostsee ab, und zwar ausgeprägter und schneller als in anderen Meeren. Aber sie bietet auch Beispiele, wie negative Trends durch Schutzmaßnahmen gebrochen werden können. In der Fachzeitschrift Science Advances plädiert eine internationale Gruppe von Forschenden, darunter Wissenschaftler des UFZ, unter Leitung des GEOMAR deshalb dafür, die Ostsee als Modellregion für Küstengebiete weltweit zu nutzen.

 Foto: Christoph Kersten, GEOMAR

Foto: Christoph Kersten, GEOMAR

Auf den ersten Blick scheint die Ostsee für die Ozeanforschung eher uninteressant zu sein. Das Randmeer ist vergleichsweise flach, hat einen niedrigen Salzgehalt und nur eine sehr schmale Verbindung zum Nordatlantik. Doch wie so oft trügt der erste Blick. In der internationalen Fachzeitschrift Science Advances sprechen sich 26 Autorinnen und Autoren aus 21 wissenschaftlichen Einrichtungen in sieben Ländern sogar dafür aus, den Ostseeraum als eine Modellregion für Entwicklungen im Weltozean zu nutzen. "Dieses einzigartige Brackwassermeer kann als eine Art Zeitmaschine dienen, die uns zukünftige globale Entwicklungen besser abschätzen lässt", sagt Prof. Dr. Thorsten Reusch vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, einer der Leitautoren des Artikels.

Die Forscherinnen und Forscher argumentieren, dass die Ostsee vielen anderen Gebieten in der Entwicklung zeitlich voraus ist. Das heißt, dass Veränderungen, die im Weltozean erst für die Zukunft erwartet werden, bereits eingetroffen sind. Die besondere Situation der Ostsee, mit ihrem geringen Wasservolumen und langsamen Wasseraustausch mit dem offenen Ozean, wirkt hier wie ein Verstärker, der viele Prozesse schneller ablaufen lässt.

Ein Beispiel dafür sind die Wassertemperaturen. Während sich die Ozeane in den vergangenen 30 Jahren um durchschnittlich 0,5°C Celsius erwärmt haben, verzeichnen Messreihen in der Ostsee im selben Zeitraum eine Erwärmung um etwa 1,5°C. Es gibt ausgeprägte, sauerstofffreie Zonen in den tiefen Bereichen der Ostsee, die sich im vergangenen Jahrhundert in ihrer Ausdehnung verzehnfacht haben. Ferner erreicht der pH-Wert des Wassers bereits heute regelmäßig Werte, die im Zuge der Ozeanversauerung in tieferen Ozeanen erst im nächsten Jahrhundert erwartet werden.

Diese Extremwerte sind einerseits in der besonderen Topographie der Ostsee begründet. Andererseits kommt die intensive Nutzung durch den Menschen hinzu. Neun Länder grenzen direkt an die Ostsee. Sie sind teilweise hoch industrialisiert, mit dicht besiedelten Küstenregionen. Überdies sorgt eine intensive Landwirtschaft im Hinterland für hohe Nährstoffeinträge. Eine ebenso intensive Fischerei übt Druck auf die wenigen, in der Ostsee heimischen Fischarten aus.

Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) fanden heraus, dass die Ostsee eines der wenigen Beispiele ist, wo eine erfolgreiche Kombination von systematischer Überwachung, Datenaustausch, wissenschaftsbasiertem Management und Sensibilisierungsmaßnahmen zu einer makroregionalen Trendwende bei Nährstofffrachten geführt hat. "Die frühzeitige Umsetzung des grenzübergreifenden Umweltmanagements hat dazu geführt, dass der Stickstoff- bzw. Phosphoreintrag aus küstennahen Quellen zwischen 1985 und 1995 um 50 Prozent bzw. um 70 Prozent verringert wurde", sagt Dr. Seifeddine Jomaa, Hydrologe am UFZ.

Gleichzeitig gehört die Ostsee zu den am besten erforschten Meeren der Erde. Gerade weil die Anrainerstaaten auf sie angewiesen sind, hat die wissenschaftliche Beobachtung schon um 1900 begonnen. Zu vielen Aspekten liegen verlässliche Daten vor, die einen Zeitraum von einhundert und mehr Jahren abdecken, und die die Grundlage für fundiertes Ressourcenmanagement gebildet haben. "Und das ist nur in wenigen Regionen der Erde der Fall", betont Professor Reusch

Denn die Ostsee ist keineswegs nur ein Negativbeispiel für menschgemachte Umweltbeeinträchtigungen. Gerade angesichts des hohen Drucks an menschlichen Einflüssen bietet sie Beispiele für gelungenes Management in einem komplexen politischen Umfeld. So haben die Anrainer es geschafft, die bis dahin viel zu hohen Nährstoffeinträge ab den 1980er Jahren deutlich zu reduzieren. Erreicht wurde dies durch die verbindlichen Vereinbarungen im Rahmen der Europäischen Union, aber auch die unter der Helsinki-Kommission entstandenen ehrgeizigen Ziele des "Baltic Sea Action Plans" (BSAP), die auch Russland schon vor Ende des Kalten Krieges mit eingebunden haben. Im Bereich der Fischerei, beim Schutz von Meeressäugern und von Vogelbeständen haben internationale Bemühungen ebenso zu einem besseren Management der vorhandenen Bestände geführt.

"Überfischung, Erwärmung, Versauerung, Verschmutzung, Eutrophierung, Verlust von Sauerstoff, intensive Nutzung von Küsten - all das sind Phänomene, die wir in allen Meeren beobachten. Weil sie in der Ostsee besonders drastisch ablaufen, kann uns die Region im Guten wie im Schlechten Hinweise geben, wie wir auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren sollten. So kann die Ostsee als Modellregion dazu beitragen, Punkt 14 der Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen zu erreichen, nämlich die Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Meeresressourcen", fasst Thorsten Reusch zusammen.
Quelle: GEOMAR

Publikation:
Reusch, T. H. B., J. Dierking, H. Andersson, E. Bonsdorff, J. Carstensen, M. Casini, M. Czajkowski, B. Hasler, K. Hinsby, K. Hyytiäinen, K. Johannesson, S. Jomaa, V. Jormalainen, H. Kuosa, S. Kurland, L. Laikre, B. R. MacKenzie, P. Margonski, F. Melzner, D. Oesterwind, H. Ojaveer, J. C. Refsgaard, A. Sandström, G. Schwarz, K. Tonderski, M. Winder, M. Zandersen (2018): The Baltic Sea as a time machine for the future coastal ocean. Science Advances 2018;4: eaar8195, http://dx.doi.org/10.1126/sciadv.aar8195 

Beteiligte Institutionen:
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanfoschung Kiel; Swedish Meteorological and Hydrological Institute, Norrköping (Schweden); Abo Akademi University, Turku (Finnland); Department of Bioscience, Aarhus University, Roskilde (Dänemark); Department of Aquatic Resources, Institute of Marine Research, Swedish University of Agricultural Sciences, Lysekil (Schweden); Faculty of Economic Sciences, University of Warsaw, Warsaw (Polen); Department of Environmental Science, Aarhus University, Roskilde (Dänemark); Geological Survey of Denmark and Greenland, Kopenhagen (Dänemark); University of Helsinki, Helsinki (Finnland); University of Gothenburg, Tjärnö Marine Station, Strömstad (Schweden); Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ, Magdeburg; University of Turku, Turku, (Finnland); Finnish Environment Institute (SYKE), Helsinki (Finnland); Stockholm University, Stockholm (Schweden); National Institute of Aquatic Resources, Technical University of Denmark, Kongens Lyngby (Dänemark); National Marine Fisheries Research Institute, Gdynia (Polen); Thünen-Institut für Ostseefischerei, Rostock; Estonian Marine Institute, University of Tartu, Tartu (Estonia); Lulea University of Technology, Lulea (Schweden); Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, Braunschweig; Linköping University, Linköping (Schweden)

Bildmaterial:
Unter www.geomar.de/n5883 steht Bildmaterial zum Download bereit.


Weitere Informationen

Dr. Seifeddine Jomaa
UFZ-Department Aquatische Ökosystemanalyse und Management
seifeddine.jomaa@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 235-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg mehr als 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

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Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 37.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

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